· 

Brief an Freunde

Das Coronavirus hat uns im Moment fest im Griff und ich wünsche uns allen, dass wir gesund bleiben!! In den letzten zwei Monaten hat mich, neben Convid19 aber auch ein anderes Thema sehr beschäftigt und lässt mich nicht mehr los.  

Im Januar 2020 hatte ich die Möglichkeit, für zwei Wochen im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos (Griechenland) zu arbeiten. Die katastrophalen Zustände in der die Flüchtlinge an diesem «hotspot» wohnen, beschäftigt mich seither sehr. Das Camp wurde für 2500 Menschen ausgelegt, doch zurzeit leben dort über 20 000 (!!) Flüchtlinge, vorwiegend aus Afghanistan und Syrien, unter menschenunwürdigen Bedingungen. Allein reisende, minderjährige Jugendliche sind besonders von den unhaltbaren Zuständen im Camp betroffen. Sie kommen, wie alle Flüchtlinge, bereits traumatisiert via Türkei mit Booten übers Meer, werden registriert aber sind dann schutzlos sich selbst überlassen, ohne Zelt, ohne regelmässige Nahrung und ohne wichtige Informationen über das Asylverfahren.  

Seit meiner Rückkehr Mitte Januar, hat sich die Lage für die Flüchtlinge und die Hilfsorganisationen   noch verschärft. Da der türkische Präsident Erdogan die Grenzen zu Griechenland geöffnet hat, herrscht grosse Unruhe und Unsicherheit. Neben bewilligten Demonstrationen, bei denen die Europäische Union zum Handeln aufgefordert wurde, gab es auch gewalttätige Ausschreitungen gegen Flüchtlinge und Hilfsorganisationen. Neue Flüchtlinge werden auf hoher See zurückgedrängt oder erhalten nach der Ankunft in Lesbos kein Recht auf einen Asylantrag, werden am Hafen festgehalten und dann in den Norden von Griechenland in geschlossene Camps gebracht.

Ich habe Kinder (11 bis 17 jährige) im Lager kennengelernt, die seit Wochen und Monaten allein unterwegs sind. Habe ihre Gesichter vor Augen, habe ihre Not und Hilflosigkeit gesehen und kann nicht mehr wegschauen. Es ist mir bewusst, dass ich die politische Situation nicht ändern kann, was sicher die beste Lösung für diese Menschen wäre, die ihre Heimat lieben und sie nicht freiwillig verlassen haben. Aber ich kann durch diese Unterstützung ein wichtiger LICHTBLICK = RAY OF HOPE im Leben dieser Jugendlichen werden und ihnen Würde und Hoffnung für die Zukunft geben. 

Zusammen mit Hans Rosenberg, der jahrelang in der Schweiz als Betreuer von Flüchtlingen im Bundeszentrum und im Kantonalen Zentrum für Asylsuchende gearbeitet hat, gründeten wir nun im Februar den Verein RAY OF HOPE, mit dem Ziel:

  • Unbegleitete minderjährige Jugendliche, die Verwandte in der Schweiz haben, im Camp ausfindig machen, sie über das Asylverfahren informieren und ihnen Hilfestellung beim Informationstransfer geben.
  • Einen temporären, sicheren Ort für Minderjährige bereitstellen, in dem sie zur Ruhe kommen können.
  • Praktische Nothilfe leisten (Zelte, Mahlzeiten, Decken, Schlafsäcke,..)
  • Allen unbegleiteten minderjährigen Personen Infos über Anlaufstellen und den Migrationsprozess in Europa vermitteln.
  • Englisch Unterricht anbieten. 

Unsere Bundesrätin Karin Keller- Suter hat vor einigen Wochen mitgeteilt, dass die Schweiz einen Beitrag an die Flüchtlingskrise leisten will und bereit ist, allen unbegleiteten minderjährige Jugendlichen, die Verwandte in der Schweiz haben, Asyl zu gewähren. Beim genauen Nachfragen bei ihrem Departement bekamen wir eine überraschende Antwort. (Für den vollständigen Brief von Frau Keller-Sutter, siehe unten.)

 

…Damit die griechischen Behörden ein entsprechendes ersuchen an die Schweiz richten können, ist es unerlässlich, dass die Jugendlichen in Griechenland ein Asylgesuch einreichen, damit sie registriert werden. Während des Registrierungsverfahrens haben sie die griechischen Behörden darüber zu unterrichten, dass sie Verwandte in der Schweiz haben. Bei diesem Informationstransfer, der sich bedauerlicherweise nicht immer so einfach bewerkstelligen lässt, könnte Ihr Verein allenfalls wertvolle Unterstützung leisten. Ohne diese Hinweise auf Verwandte in der Schweiz, werden die griechischen Behörden keine Schritte für eine Familienzusammenführung einleiten. Bei unbegleiteten minderjährigen Personen, besteht ausnahmsweise auch die Möglichkeit, dass sich Verwandte in der Schweiz direkt an das Staatssekretariat für Migration SEM…wenden.

Wir haben nun diesen Hinweis als Auftrag verstanden und werden unseren ersten Fokus dieser Aufgabe widmen. Am 6. April 20 würde unser Flug nach Lesbos abheben….  wäre da nicht das Coronavirus, das uns wahrscheinlich einen Strich durch die Rechnung machen wird. Es zwingt uns im Moment recht flexibel zu sein mit unserer Planung, mit den Vorbereitungen und Reiseplänen. In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, werden wir nun versuchen, unseren ersten Fokus auch von hier aus weiter zu verfolgen, um dann im Sommer mit einem Pilotprojekt auf Lesbos zu starten.

Download
Brief_Bundesrätin_18.02.2020.pdf
Adobe Acrobat Dokument 1.3 MB